Patriotismus und Kosmopolitanismus: Inwieweit ist Politik den eigenen Bürgern oder globaler Gerechtigkeit verpflichtet?
Zeitschrift für philosophische Forschung, vol. 56, no. 3, 2002, pp. 426–448
Abstract
Patriotismus ist nicht nur innere Einstellung, sondern auch Anleitung zum Handeln. Etwa so: Bürger und Regierungen dürfen–und sollten vielleicht–sich mehr um das Überleben und Wohlergehen ihres eigenen Staates, ihrer Kultur und ihrer Landsleute kümmern al 2710 s um das fremder Staaten, Kulturen und Personen (gewöhnlicher Patriotismus). Oder: Bürger und Regierungen dürfen–und sollten vielleicht–sich mehr um die Gerechtigkeit ihres eigenen Staates und um von dessen Mitgliedern erlittenes Unrecht kümmern als um die Gerechtigkeit anderer Sozialsysteme und um von Ausländern erlittenes Unrecht (vornehmer Patriotismus). Auch wenn diese Behauptungen wahr sind, ist doch der Geltungsbereich der behaupteten patriotischen Prioritäten streng begrenzt. Sie können nicht rechtfertigen, dass mächtige Staaten anderen ungerechte internationale Spielregeln aufzwingen oder solche nutzniessend ignorieren. Die immer wachsende internationale Ungleichheit der Lebenschancen geht auf solche ungerechten Regeln zurück, die auch erheblich zu Korruption und Repression in den Entwicklungsländern beitragen. (Patriotism is not merely an attitude, but also normative guidance. As such, it may claim that citizens and governments may, and perhaps should, show more concern for the survival and flourishing of their own state, culture, and compatriots than for the survival and flourishing of foreign states, cultures, and persons (common patriotism). Or it may claim that citizens and governments may, and perhaps should, show more concern for the justice of their own state and for wrongs suffered by its members than for the justice of any foreign social systems and for wrongs suffered by foreigners (lofty patriotism). Even if these claims are true, the scope of the asserted patriotic priorities is nonetheless strictly limited. They cannot justify that powerful states impose unjust rules on others or ignore such unjust rules while benefiting from them. The steadily growing international inequality can be traced to such unjust rules, which also contribute substantially to corruption and oppression in the developing countries.)
